Eine App, der die Patienten vertrauen können?

Gesundheit und Politik

Künstliche Intelligenz wird immer intelligenter. Selbst Aufgaben, die ihr noch vor fünf Jahren nicht im Entferntesten zugetraut wurden, meistert sie heute spielend. Wurden bisher die meisten Programme in Amerika oder China entwickelt, sorgt jetzt seit Monaten eine deutsche Anwendung weltweit für Furore. Die App Ada diagnostiziert Krankheiten – schnell, kostenlos und ziemlich treffsicher.

Ersetzt nicht den Arztbesuch, aber hilft bei der Diagnose: Die App Ada

Die meisten Menschen würden bei einer Befragung angeben, dass sie viel lieber zu einem echten Arzt gehen, als sich von einer Maschine untersuchen zu lassen. Fakt ist aber: Neun von zehn Patienten googeln vor oder nach dem Arztbesuch ihre Beschwerden oder die Diagnose. Allerdings ist Google nicht wirklich eine Hilfe, da sein Algorithmus nicht darauf angelegt ist, Menschen zu heilen, und daher die Ergebnisse oft eher verwirren, verunsichern oder einfach in ihrer Fülle überwältigen. Die App Ada arbeitet mit einer künstlichen Intelligenz, die darauf trainiert und spezialisiert ist, Krankheiten zu erkennen. Entwickelt wurde sie in Berlin und dort ist auch der Hauptsitz – nämlich in der Adalbertstraße. Die ersten drei Buchstaben ergeben dann auch den Firmennamen. Gründer und Chief Scientific Officer ist Martin Hirsch. Er hat einen Doktor in Neurowissenschaften und ist schon lange Forscher und Unternehmer. Sein Großvater ist der berühmte Nobelpreisträger Werner Heisenberg.

Eine fundierte Datenbasis
Von der Idee zum Launch hat es sieben Jahre gedauert. In der Start-up-Welt eine unglaublich lange Zeit – sicherlich aber auch die Grundlage des Erfolgs. Denn die Basis von Ada ist eine riesige medizinische Datenbank, die stetig ausgebaut wird. Die inzwischen rund 120 Mitarbeiter in Berlin, München, New York und London haben sich durch Tausende von Lehrbüchern, Aufsätzen und Wikipedia gewühlt und Entscheidungsbäume für Krankheiten definiert. Die Mitarbeiter sind IT-Experten und viele Mediziner, die in Teilzeit arbeiten oder nebenher noch promovieren. Die Benutzeroberfläche ist extrem reduziert und einfach gestaltet. Alles beginnt mit der Frage nach den Beschwerden. Danach folgen bis zu 20 Fragen, die diese immer genauer eingrenzen. Am Ende steht eine Empfehlung – eine Diagnose dürfen nämlich nur Ärzte erstellen –, die aufgrund von Wahrscheinlichkeiten und Fakten erklärt, woran man leiden könnte. Erste Untersuchungen zeigen, dass die App schon jetzt eine sehr hohe Trefferquote aufweist. Außerdem werden die Nutzer aufgefordert, etwa bei dem anschließenden Arztbesuch, die Ergebnisse in ihrem Fall zu validieren oder zu revidieren. Dieses Feedback fließt ein, um den Algorithmus weiter zu verbessern.

Im Steilflug nach oben: In einem Jahr mehr als 2 Mill. Nutzer zusätzlich

Schneller zur Diagnose
Rund 1.500 Krankheiten und 200 seltene Krankheiten kennt Ada bereits, stetig kommen neue hinzu – bereits jetzt sind es so viele, wie sie ein einzelner Arzt niemals kennen könnte. Und für seine Entscheidung greift Ada quasi auf das gesamte Wissen zu den bereits verfügbaren Krankheiten in Sekundenschnelle zu. Milliarden von Möglichkeiten werden dabei durchgespielt. Die Nutzerzahlen sind seit 2017 von etwa 1,5 Millionen auf inzwischen vier Millionen gestiegen. Jeden Tag kommen Tausende hinzu, alle drei Sekunden wird weltweit eine Anfrage gestellt. Gleichzeitig lassen sich aus den Anfragen interessante soziokulturelle Erkenntnisse treffen. Die häufigsten Krankheiten sind grippale Infekte, Spannungskopfschmerzen, Burn-out oder Angststörungen. Aus arabischen Ländern kommen deutlich mehr Anfragen zu Geschlechtskrankheiten – wohl aus Angst und Scham, zum Arzt zu gehen –, in den wohlhabenden Gegenden Berlins oder Londons häufen sich Anfragen zu außergewöhnlichen Krankheiten der Kinder.

Kliniken sehen großes Potenzial
Bei vielen Ärzten sind die Vorbehalte verständlicherweise groß. Ganz anders sieht es an den Universitätskliniken aus: Hier ist das Interesse groß. Es gibt mit Ada Dx auch bereits eine Anwendung nur für Klinikärzte, um sie in ihrer Arbeit, vor allem bei klinischen Studien, zu unterstützen. Dazu kommt: Die moderne Medizin ist schon seit vielen Jahren eben nur durch den Einsatz und die Unterstützung von moderner Computertechnik möglich. Auch KI-Anwendungen kommen längst in der Onkologie, Radiologie oder Kardiologie zum Einsatz. „Das ärztliche Ethos ist davon geprägt, dem Menschen immer die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen. Das war zu allen Zeiten so. Die Ärzte werden auch künftig verantwortungsvoll die wachsenden Möglichkeiten der Digitalisierung für ihre Patienten nutzen. Dies zeichnet sich deutlich ab. (…) Hierzu gehört auch der begleitende Einsatz von KI bei diagnostischen Vorgängen. Beispielhaft genannt ist das System von Ada Health an der Grenze zwischen Arzt und Patient“, erklärt etwa Professor Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Uniklinikums Essen in der Fachzeitschrift „Forschung und Lehre“. Dort will man in einer Studie die App im Klinikalltag testen, um dadurch die Patientensteuerung zu verbessern. Patienten sollen im Warteraum der Notfallambulanz Ada nutzen und damit schneller in die richtigen Abteilungen gelotst werden.

AOK testet die Akzeptanz
An der Medizinischen Hochschule Hannover hat man das Potenzial von Ada bei der Diagnose von seltenen Krankheiten getestet. Etwa 7.000 gibt es davon und diese stellen Ärzte immer wieder vor Rätsel. Im Schnitt dauert es sieben Jahre, bis eine richtige Diagnose gestellt ist, Ada schafft es in 3,5 Minuten. Im Auftrag der AOK Nordost bewertet das fib Forschungsinstitut der bbw Hochschule im Rahmen des BMWi-Projektes „Health Reality Lab Network“ die Akzeptanz und Nutzenwahrnehmung innovativer Start-up-Produkte in der Versorgungspraxis. Mit einer Befragung wird die Nutzenwahrnehmung zu Ada bei Ärzten und Patienten erhoben. 500 Patienten und 50 Ärzte sollen befragt werden. Die Ergebnisse werden im Anschluss publiziert. Angesprochen, an der Studie teilzunehmen, sind unter anderem die Ärzte der Arztnetze medis, PIBB und Haffnet und 10.000 AOK-Versicherte, die dort eingeschrieben sind.

Eine Alternative für vier Milliarden Menschen: Die App Ada

Weltweite kostenlose Gesundheitsvorsorge
Die App ist kostenlos – und das soll auch so bleiben, denn der Firma geht es nicht nur um Gewinn. Rund vier Milliarden Menschen haben weltweit keinen Zugang zu einer medizinischen Versorgung. Aber die meisten davon haben inzwischen Zugang zu einem Smartphone. Das vorrangige Ziel der App ist es, eine personalisierte Gesundheitsvorsorge für jeden Menschen auf der Welt zugänglich zu machen. Die App liefert diesen Menschen nicht nur eine Erklärung für ihren Gesundheitszustand. Sie ermöglicht, aufgrund der erzeugten Daten zu bestimmen, welche Gesundheitsvorsorge, Impfungen oder Medikamente die Bevölkerung in gewissen Regionen der Welt dringend benötigt. Außerdem: Nutzen viele Menschen in einem Gebiet die App, kann aufgrund der Anfragen frühzeitig erkannt werden, ob sich etwa eine Epidemie ausbreitet. Vor allem Kinder und die Familien stehen im Fokus der kürzlich von Ada ins Leben gerufenen „Global Health Initiative“. Die „Bill & Melinda Gates Foundation“, die größte private Stiftung der USA, unterstützt diese mit 50 Millionen Dollar. Auch die „Foundation Botnar“, eine Schweizer Stiftung, die sich für den Einsatz moderner Technologie zur Verbesserung der Gesundheitsvorsorge in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen einsetzt, setzt auf die App. Mithilfe dieser beiden Partner kann die App nun auch in Rumänisch und Swahili, einer Sprache, die südlich der Sahara von rund 100 Millionen Menschen besprochen wird, genutzt werden. Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch beherrscht Ada schon, weitere Sprachen sollen folgen.

Zeit und Geld sparen
Die Anwendung ist ein registriertes Medizinprodukt und auch nach ISO zertifiziert. Den „Silver Lions Award“ als beste medizinische App im Apple Store in den USA und Kanada hat die App 2017 erhalten – aber auch viele andere wichtige Auszeichnungen. Ada ist inzwischen ein sogenannter MIT-Solver. „MIT Solve“ ist ein Business-Inkubator und Geschäftsideen-Marktplatz des Massachusetts Institute of Technology, der Lösungen von Tech-Unternehmen vorantreibt, um drängende globale Probleme anzugehen. Dazu werden Innovatoren mit Ressourcen wie Expertise, Humankapital, Technologie und Finanzierung vernetzt. In 130 Ländern ist Ada bereits die medizinische App Nummer 1. Um die App weiterzuentwickeln und zu betreiben, muss sie langfristig natürlich auch Geld verdienen. Eine Möglichkeit wäre, die App um Wearables wie Hautscanner sowie Blutdruck-, EEG- oder EKG-Messgeräte zu erweitern. Auch maßgeschneiderte Versionen für Kliniken oder Ärzte sind denkbar. Oder: „Wir finden Krankheiten, wenn sie noch 10-Euro- statt 10.000-Euro-Probleme sind. Das ist nicht nur im Interesse des Patienten, sondern auch des Kostenträgers“, erklärt Daniel Nathrath, Gründer und CEO von Ada. Ein Teil der Kostenersparnis könnte dann etwa als „Prämie“ an Ada fließen. Und: „Aus Sicht des Gesundheitswesens ist es ja erwünscht, dass man nicht wegen jeder Lappalie zum Arzt geht“, so Nathrath weiter. Die Ärzte oder Kliniken hätten dann mehr Zeit für die komplizierten Fälle – auch diese Zeitersparnis könnte ein Geschäftsmodell sein. „Keine Frage, das hört sich alles sehr interessant an. Wir werden das genau beobachten. Noch sprechen in Deutschland aber viele Haftungsgründe dagegen“, sagt Hans Nass, Produktmanager bei der AOK Systems. In Großbritannien ist man da schon weiter. Hier gibt es die Möglichkeit, nach einer „KI-Diagnose“ direkt per Videochat einen Arzt zu kontaktieren und sich Medikamente verschreiben zu lassen. Auf dem Informations-Tag der AOK Systems im Oktober in Bonn referierte Key-Note-Speaker Christian Klose, stellvertretender Abteilungsleiter im BMG, über die Versorgung der Zukunft. Ada lobte er ausdrücklich als eine sehr interessante Perspektive.